Schon bevor ich die Augen geöffnet hatte, wusste ich, dass mich ein wundervoller Tag erwartete. Ich trank nur schnell einen heißen Kakao, denn wer
wusste denn, wie lange dieses Traumwetter noch anhalten würde? Ich wollte nur eins: Nach draußen! Wann war es das letzte Mal im April so sommerlich heiß gewesen?
Ich beeilte mich, holte mein Fahrrad aus dem Keller, klemmte meine Tasche samt Decke und Buch auf dem Gepäckträger fest und schwang mich auf meinen Drahtesel. Ich liebte mein altes blaues
Rennrad, dass mehr durch Rost als die ehemals glänzende Farbe zusammengehalten wurde.
Mein Ziel war der Stadtpark. Dort gab es genügend Plätze, an denen ich mich ungestört in den Schatten legen konnte, also trat ich in die Pedale. Ich fuhr Fahrrad, wie ich Auto fuhr: Zu schnell. Entsprechend abgekämpft kam ich im Stadtpark an. Schnell fand ich nahe dem Rosengarten einen Platz, der mir gefiel. Auf der Wiese meiner Wahl breitete ich meine Decke aus. In Bikinihose und Top legte ich mich auf den Rücken und betrachtete interessiert den Himmel. Die bizarren Wolkenformationen, die vorbeizogen, hatten schon immer meine Phantasie angeregt - so war es auch dieses Mal…
„Was siehst du?“ sprach mich eine Stimme hinter meinem Kopf leise an. Ich wollte meinen Kopf umdrehen, um festzustellen, wer mich da ansprach,
wurde jedoch von zwei kräftigen Händen daran gehindert.
„Vertrau mir einfach, auch wenn es dir schwer fällt,“ sagte die Stimme, die ich als eindeutig männlich charakterisierte. Ein leichter Akzent, den ich nicht näher zuordnen konnte, schwang in
seinen Worten mit. Ich blieb ich also gezwungenermaßen auf dem Rücken liegen und beobachtete weiter den Himmel.
„Ich sehe zwei Hände, die ineinander verschlungen sind und sich nur langsam voneinander lösen. So als wollten sie die jeweils andere nicht loslassen und sich nur widerwillig trennen,“ erzählte
ich der Stimme hinter mir.
„Schön. Du bist eine phantasievolle Frau. Das gefällt mir.“ Seine Stimme klang weich, fast zärtlich.
„Darf ich mich jetzt zu dir umdrehen?“ Ich war ja so neugierig, wem diese Stimme gehörte.
„Nein. Erzähl mir mehr über die Wolken am Himmel,“ antwortete er bestimmt, keinen Widerspruch zulassend. Der Griff seiner Hände an meinen Schultern wurde wieder fester. Ich holte tief Luft und
mein Brustkorb hob und senkte sich entsprechend.
„Ich sehe zwei junge Pferde, die sich gegenseitig jagen,“ fuhr ich fort, „sie spielen miteinander, rennen um die Wette, bis sie nicht mehr können. Zum Verschnaufen legen sie sich gegenseitig die
Köpfe über die Flanken.“
Er lachte leise und kehlig. Ich fand das seltsam erregend. Es war komisch, aber ich empfand überhaupt kein Gefühl des Unbehagens. Im Gegenteil… ich war durch das warme Timbre seiner Stimme
irgendwie erotisiert. Und außerdem irre neugierig: Ich wollte jetzt unbedingt wissen, wie dieser Mann aussah, zu dem diese extrem sympathische Stimme gehörte. Das war doch nicht möglich. War ich
nur durch eine Stimme so aus der Fassung zu bringen? Sollte ich nicht eher Angst haben oder mich zumindest unwohl fühlen?
„Du brauchst keine Angst haben,“ unterbrach er plötzlich meine Gedanken, so als könnte er diese lesen.
„Habe ich auch nicht,“ antwortete ich wahrheitsgemäß.
Seine Hände glitten langsam meine Oberarme hinab. Ich schloss die Augen und genoss seine Berührungen. Er musste große Hände haben, denn er schaffte es, meine Oberarme komplett zu umfassen. Er war
dabei so vorsichtig, als hätte er Angst, mir weh zu tun. Meine Nackenhärchen stellten sich auf.
„Es war die richtige Entscheidung, dich anzusprechen, aber jetzt muss ich leider gehen,“ bedauerte er. Der Sinn dessen, was er sagte, drang nur langsam zu meinem Verstand durch…
Ich schreckte hoch und drehte mich um, aber da war keiner. Ratlos sah ich mehrmals in jede mögliche Richtung. Weit und breit war niemand zu sehen. Hatte ich das eben alles nur geträumt? Verwirrt strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ein erneuter Blick in den Himmel zeigte keine einzige Wolke mehr. Auch das noch. Mir reichte es für heute! Ich packte meine Sachen zusammen, schnappte mir mein Fahrrad und fuhr frustriert zurück nach Hause.
Als ich wieder in meinem Badezimmer vor dem Spiegel stand, konnte ich noch die schwachen Abdrücke seiner Hände auf meinen Oberarmen sehen. Es war also doch kein Traum, keine Einbildung gewesen – es war wirklich passiert.
Lächelnd blickte ich mein Spiegelbild an. Ich wusste genau, wo ich morgen hinfahren würde...
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